Das Gezeichnete ist politisch

Vor einiger Zeit sah ich mir die Aufzeichnung der Mangako “Manga-Konferenz” auf der Leipziger Buchmesse an, auf der eine Handvoll deutschsprachiger Persönlichkeiten der Manga-Szene über den Stand des Mediums hierzulande diskutieren. Auch wenn ich mit den Inhalten nicht immer übereinstimme, finde ich das Format sehr sehr wichtig und wünsche mir mehr solcher Panels und Diskussionsrunden, auf Buchmessen und anderswo. Auf Twitter habe ich dazu während des anhörens meine Gedanken umrissen, aus Faulheit verlinke ich an dieser Stelle den Start des Twitter-Threads anstatt das Geschriebene noch einmal zusammenzufassen. Ein Klick auf das Datum des Tweets führt zur Twitter-Seite mit dem restlichen Kontext.

Jedenfalls ging es in dem Panel auch um Boys’ Love, quasi das Dauerthema wenn es um die deutsche (Indie-)Mangaszene geht. Ich erwähnte, dass der “Female Gaze” (mehr zum Begriff in Kürze) ein inhärentes Problem des Genres darstelle, dessen Autoren per Definition weiblich sind; Comics über schwule Männer von (schwulen oder bisexuellen) Männern gezeichnet bezeichnet man als “Gay Manga”, veraltet auch “Bara Manga”. Aus einer begrifflichen Nachfrage entstand eine angenehme Diskussion auf Twitter, der ich nun — zugegeben mit etwas Abstand — meine umfassenden Gedanken anfügen möchte.

Zunächst einmal zum Genre selbst: Wie bereits angedeutet, geht es hier um Comics bzw. Manga, in denen Beziehungen romantischer und auch erotischer Art zwischen Männern der Gegenstand sind. In der Genrebezeichnung “Boys’ Love”, oder auch japanisch nach Romantik “Shounen-Ai” und Erotik “Yaoi” aufgeteilt sammeln sich Werke von weiblichen Autoren, während Manga von schwulen oder bisexuellen Männern, die Beziehungen zwischen Männern zum Gegenstand haben als “Gay Manga” eingeordnet werden. Früher war dafür auch die Bezeichnung “Bara Manga” gebräuchlich, doch nach meinem Verständnis sieht die Szene selbst den Begriff mittlerweile eher befremdlich, weshalb ich ihn auch nicht weiter verwenden möchte.

Wie also bereits durch die Definition festgelegt ist, werden in Boys’ Love Männerbeziehungen durch die Feder einer Frau gezeigt, die mit großer Wahrscheinlichkeit nie selbst Teil einer Beziehung zwischen zwei Männern gewesen ist (wer sich nun wundert: Trans Frauen existieren!) und hier ergibt sich der angesprochene Knackpunkt des Female Gaze: Durch die Distanz zum Objekt der Darstellung steigt die Gefahr, dass sich statt der realistischen Darstellung romantischer und sexueller Beziehungen zwischen Männern eine Fetischisierung einschleicht. Manche Stimmen mögen sogar soweit gehen zu behaupten, dass Boys’ Love immer eine Fetisch-Darstellung ist, da sie von nicht-schwulen nicht-Männern stammt.

Warum ist das nun problematisch? Fetische an sich müssen nichts verwefliches sein, aber in der deutschsprachigen Mangaszene herrscht wie vielerorts ein Machtungleichgewicht zu Ungunsten der in Boys’ Love dargestellten Personen; queerfeministische Positionen könnten nun argumentieren, dass die Autorinnen von Boys’ Love-Comics sich ihrer Machtposition bewusst sein und entsprechend verantwortungsvoll in ihrer Darstellung handeln müssen. Denn wer in seinem privaten Umfeld keinen Kontakt zu schwulen (bzw. bisexuellen) Lebensrealitäten hat, macht sich sein Bild aus den sonstigen verfügbaren Darstellungen, zu denen natürlich auch Boys’ Love-Geschichten zählen. Werden die Männerbeziehungen hier verzerrt und/oder idealisiert dargestellt, schleicht sich das ins innere Bild schwuler Beziehungen ein und beeinflusst die Lesenden, unabhängig davon, dass sich diese bewusst sind, gerade Fiktion zu konsumieren. Ein plakatives Beispiels ist etwa das “Uke/Seme”-Motiv, das die Charaktere in unnatürlich starre Rollen zwängt, ein anderes Beispiel eher aus den westlichen Medien wäre die Karikatur schwuler Männer als überzeichnet weiblich, das Trope der “Tunte”. So etwas ist natürlich einfach zu erkennen, aber viele Nuancen sind deutlich subtiler. Und auch wenn eine Tatsache allgemein bekannt ist — beispielsweise, dass Frauenkörper auf jedem Werbeplakat stark nachbearbeitet werden, heißt das nicht, dass sie uns gänzlich unbeeinflusst lässt, sonst würden Frauenzeitschriften heute ganz anders aussehen.

Nun, idealisierte und stereotype Darstellungen heterosexueller Beziehungen existieren genauso, und sogar in viel größerem Maße, wieso sind diese “weniger schlimm” als die verzerrten Darstellungen queerer Beziehungen zwischen Männern? Der Queerfeminismus verurteilt solche hetero-Tropes natürlich im gleichen Maße (sonst sollte er sich nicht Feminismus nennen), doch der entscheidende Punkt an dieser Stelle ist, dass schwule Männer eine viel kleinere Gruppe sind als heterosexuelle Männer und als sexuelle Minderheit in quasi allen Bereichen der Gesellschaft diskriminiert werden. Heterosexualität ist die Norm, der Queerfeminismus würde sagen, Heteros seien “privilegiert”. Eine Beziehung zwischen zwei Männern ist hingegen “anders”, fremd für die Mehrheit und außerdem auch deutlich seltener Gegenstand in der Kunst, sodass jede dieser wenigen Darstellungen schwuler Liebe individuell stärker wahrgenommen wird und ihr mehr Bedeutung zugemessen wird als einer der unzähligen Darstellungen heterosexueller Liebe. Damit kommt noch ein weiterer Batzen Verantwortung auf die Boys’ Love-Autorinnen zu.

An dieser Stelle argumentieren die Boys’ Love-Autorinnen gerne damit, dass sie ja nur Fiktion schrieben, dass sie nicht aktivistisch motiviert seien, sondern nur unterhalten wollen. Doch so einfach kann man sich nicht aus der Verantwortung ziehen. Das Private ist politisch, und somit auch das Gezeichnete. Eine Reproduktion etablierter Tropes und Stereotypen sagt auch etwas über die Boys’ Love-Autorin aus, und unrealistisch-plakative, Fetisch-behaftet dargestellte Sexszenen können schwule Leser ähnlich anwidern und verängstigen wie es bei für heterosexuelle Männer gedrehten Lesben-Pornos und lesbischen Frauen der Fall sein kann. Soll Boys’ Love also etwa verboten werden, weil es nicht “politisch korrekt” ist? Nein, keinesfalls. Sexuelle Fantasien (so lange sie im eigenen Kopf bleiben) sollten generell nie verboten sein, dazu zählt auch schwuler Sex als Frauen-Fetisch. Doch man sollte sich bewusst machen, dass man andere, real existente Menschen damit zum Teil eines Fetisches macht, und dass es Auswirkungen auf diese Menschen haben kann, wenn man diesen Fetisch öffentlich auslebt. Selbst wenn es sich um absolut fiktive Charaktere handelt, die — im wahrsten Sinne des Wortes — benutzt werden, hat das Symbolcharakter. Autorinnen sollten sich nicht mit dem Totschlagargument “Fiktion!” aus der Verantwortung ziehen, sondern müssen sich ihrer Machtposition und den Konsequenzen ihrer Kunst bewusst sein und mit deren Kritik wie vernunftbegabte Menschen umgehen. Denn auch das Gezeichnete ist politisch. Alles davon.

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