Pimmelparade in der Postapokalypse — Doom Metal Kit 1

Für diese Review habe ich ein Rezensionsexemplar erhalten und bin ehrlich gesagt sehr dankbar, denn sonst wäre Doom Metal Kit wohl gänzlich an mir vorbei gegangen. Das Heft entsprang einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne, die auch das Erscheinen der zweiten Ausgabe sichergestellt hat. Verantwortlich für Nummer eins zeigten sich Michael Liberatore (Story und pencils), Andi Paar (Inks), Hannes Kiengräber (Farben und Letterring) und Michael Brantner (Art Direktion). Aber diese Herrenliste in den Credits ist nicht der Grund für meine headline.

Aber der Reihe nach. Das Cover von Doom Metal Kit hat mich sehr begeistert, die reduzierte Palette trifft genau meinen Geschmack und die Komposition ist on point. Also rein ins Vergnügen!

Also blätterte ich in froher Erwartung auf eine saftige Mystery-Action-Story das Heftchen auf. Unerwarteterweise gabs erstmal ein nicht ganz so geglücktes Vorwort von einem Hauptberuflichen Nerd, der mir bisher unbekannt war. Kam mir wie ein Stretch Goal der Kickstarter-Kampagne vor, also ignorierte ich es. Jetzt aber die Story!

Ich war begeistert, denn das Qualitätsniveau von Komposition und Coloration hält sich durchgehend das gesamte Heft über! Die Story leidet leider an Platzproblemen, wofür ich die zwar ganz nett gemachte, aber in Relation zum Gesamtumfang des Heftes viel zu lange Exposition verantwortlich zeichne. Der Rest wirkt dadurch gestresst, unbedingt muss noch diese Vorgeschichte und jene Prophezeihung angedeutet werden. Statt dessen hätte die Story, in der es nunmal um einen Mechaniker für magische Gerätschaften geht, deutlich mehr Mechaniker-Action verdient, und zwar mehr als nur rein in das Haus und runter in den Keller und dann entsetzt zurückschrecken! Wenn ich so an berühmte Mechaniker*innen aus Comic und Film denke, fällt mir als erstes Kaylee von Firefly ein (dicht gefolgt von Geordi, B’Elanna, Scotty und Co.), die in ihrer Serie selbst als Nebencharakter jede Menge on-screen-Schrauberei spendiert bekam. Da sollte sich Kit mal ein Beispiel dran nehmen!

Überhaupt: Frauen. Wie schon erwähnt ist das Line-Up komplett männlich, was erstmal kein Problem ist. Viele meiner Lieblingsgeschichten sind von All-Male-Teams oder einzelnen männlichen Zeichnern geschrieben. Alles cool. Dann der Nerd im Vorwort, naja, kann man machen. In der eigentlichen Geschichte: Kein (offensichtlich) nicht-männlicher Charakter, hmmm. Um Missverständnisse zu vermeiden, haben hier selbst die Dämonen einen Schniedel! Na gut, kann sein, dass es sich um eine Postapokalypse handelt, weil alle Frauen gestorben oder verschwunden sind, gabs auch schon alles. Doch dann tauchte sie auf. Die Frau. DIE FRAU IM COMIC.

(Es folgt eine content notice für rape/Vergewaltigung.)

Und zwar nackt.

Sauber, wie frisch gewaschen (in einer postapokalyptischen Ödnis!).

Auf allen Vieren.

Hintern in die Kamera, Brüste gut sichtbar.

Der Nebencharakter, dem die Story gerade folgt, will sich im Drogenrausch an ihr vergehen.

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UND TUT ES! Schön mit rosa Blumen und Vögelchen im Panel, als ob es der schönste, romantischste, einvernehmlichste Sex der Welt wäre.

Dann taucht plötzlich ein weiterer Charakter auf, natürlich männlich, namenlos. “Ey, das ist MEINE Frau!” und ballert IHR den Kopf weg. Der Frau, dem Opfer! Eine krassere Metapher für victim blaming kann es kaum geben. Zwischendurch wird ihre Teilnahmslosigkeit noch dadurch erklärt, dass sie zum Zombie wurde (merkwürdig, alle anderen Zombies im Comic tragen wenigstens Fetzen von Kleidung an sich). Achja, und es war natürlich die EHEFRAU des anderen Charakters, na logo. Darum wars ja auch völlig okay, seinem fleischlichen Besitztum den Kopf wegzupusten, um es dem Konkurrenten mit Schniedel zu verweigern.

Sorry, aber wir haben 2018, wir hatten die Sexismus-Diskussion jetzt schon in ungefähr jedem (pop)kulturellen Medium, aber anscheinend reicht das nicht. Diese fünf Panels haben mir nachhaltig den Spaß an dieser vielversprechenden, toll gezeichneten Serie mit ihren interessanten Charakteren zerstört. Wir reden hier von völlig unreflektierter, verherrlichender Darstellung von Vergewaltigung! Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen: Der einzige nicht-männliche Charakter in diesem Comic ist nur dazu da, männliche Gewalt-und Erniedrigungsfantasien zu befriedigen und wird einfach kommentarlos weggepustet, nachdem die Tat geschah!

Wegen dieser fünf Panels werde ich kein Geld in das zunächst so vielversprechende Indie-Projekt stecken, werde es nicht empfehlen, werde Menschen davon aktiv abraten. Mit solchen Szenen, so einer Art von Geschlechterpräsentation erzeugt man keine “dark and gritty”-Welt, mit sowas vergrault man mal eben gut die Hälfte seiner potentiellen Leser*innen. So geil die Kunst des Comics auch ist, Doom Metal Kit ist endgültig für mich gestorben.

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